Pressezitate


Text zur Verleihung des Landeskulturpreises / Sparte Film 2008

von Markus Vorauer

 
“In 100 Jahren werdens den Film noch anschaun, goi”  Impressionen zu Edith Staubers filmischen Erkundungen naher unbekannter Orte
“Die Bilder sollen sich nicht von dem entfernen, was sie abbilden.” (Hartmut Bitomsky)

 

Bill Nichols mittlerweile kanonisierte Übersicht dokumentarischer Darstellungsformen, die fünf Ausdrucksmodi (expositorisch, beobachtend, interaktiv, reflexiv und performativ) umfasst, vermag wohl auf stringenteste Weise die filmische Bandbreite von Edith Staubers Ouevre zu charakterisieren:
Expositorisch sind die Filme der Linzer Filmemacherin in dem Sinn, dass sie eine Welt evozieren, die real ist, aber so, wie sie präsentiert wird, nicht wahrgenommen wird. Naheliegendes wird dabei, allerdings ohne die didaktische Akzentuierung, wie sie für expositorische Dokumentarfilme typisch ist, aus einem neuen Blickwinkel erfasst. Ob es sich um die Einblicke in den Lebensalltag in einem Altersheim (“Die Zeit ist da”, 2001) oder in den Organismus einer belebten, aber doch auf den ersten Blick unscheinbaren Straße (“Über eine Straße”, 2004) handelt, stets wird in den Filmen von Edith Stauber eine Realität wiedergegeben, die zwar als bekannt vorausgesetzt wird, die aber durch die präzise Beobachtung Latentes, Verborgenes manifestiert.
Der beobachtende dokumentarische Gestus vermeidet nach Nichols Kommentare, die Kamera hält die Dinge fest, während sie sich ereignen. Eigenschaften wie Dauer, Struktur und Erfahrung werden betont. Staubers Filme zeichnen sich (wiederum ohne dies auszustellen, vielmehr subkutan) durch eine dramaturgische Vorgehensweise aus, die durch Zeitzyklen vorgegeben wird. In “Die Zeit ist da” begleitet sie gemeinsam mit Michaela Mair zwei alte Menschen bei ihrer Übersiedlung in ein Altersheim und wie diese sich dort in den speziellen Rhythmus einleben. Der Alltag wird von den Mahlzeiten und den Festen, die die Jahreszeiten gliedern, determiniert. “Über eine Straße” porträtiert eine Durchzugsstraße, eine Einbahnschneise, im Zentrum von Linz. Ein Jahr lang hat Staubers Kamera die Menschen, die an der Straße leben, beobachtet und festgehalten. Und auch in “Eintritt zum Paradies um 3 Euro 20”, der sich zwar als Animationsfilm tarnt, aber durchaus dem Dokumentarfilmgenre zugerechnet werden kann, gibt der Tagesablauf im Linzer Parkbad die dramaturgische Linie vor.
Interaktiv sind Staubers Filme dadurch, dass sie immer wieder die Porträtierten zu Wort kommen lassen, wobei in den letzten Filmen eine Tendenz zur Schwächung dieses konventionalisierten Ausdrucksmodus festzustellen ist. Der puristische “Talking-Head-Gestus” war nie eine Sache der Linzer Filmemacherin. Vielmehr sind die Interviewpassagen eingebettet in die beobachtende Haltung der Kamera, so als würde die Präsenz des optischen Aufnahmegerätes rein zufällig zu einigen Wortspenden verführen.

 

In gewisser Hinsicht gewährt die Kamera den Menschen eine angemessene Anonymität, sodass keine der Figuren wirklich dominierend wird. Menschen erscheinen vor der Kamera, verschwinden, tauchen wieder auf, manchmal sind es bloß Gesichter ohne biographische Vertiefung. Stauber distanziert sich in ihren Filmen vom Personenkult vieler moderner Dokumentarfilme, den Bitomsky ganz richtig als “schlechte Rückvermenschlichung von Verhältnissen, die eigentlich doch verdinglicht sind”, bezeichnet.
Schließlich kann man in den beiden letzten Filmen auch eine reflexive und performative Haltung konstatieren, die die dokumentarische Form an sich in Frage stellt (der Genrewechsel in den Animationsfilm gestattet auch erweiterte expressive Ausdrucksmöglichkeiten) und Subjektives manifestiert (die Zwischentitel in “Über eine Straße” sind auch als ironischer Kommentar zu verstehen und der Nachspann in “Eintritt zum Paradies um 3 Euro 20” erweitert den Diskurs ins autoreflexive Spiel).Trotzdem dominiert insgesamt eine Form der empathischen Zurückhaltung, die die Distanz und das Interesse gegenüber den gefilmten Menschen und Objekten in angemessener Form zur Symbiose bringt. Eugenie Kain spricht sehr treffend von einem charmanten Realismus, der die “Qualität hat, nie in den Voyeurismus oder in die Denunziation abzugleiten.” Vielmehr (er-)öffnet uns Stauber neue Einblicke in Welten, die wir alle zu kennen glauben, die aber durch die Kompilation des filmischen Materials, das sich über die sehr lange hinziehende Zeitspanne der Beobachtung angehäuft hat, in völlig anderem Licht erscheinen. Alte Menschen auf ihrer letzten Lebensstation, eine glückliche Familie, die an einer Durchzugsstraße wohnt, der Besitzer einer Tankstelle, die sich an einem gesellschaftspolitisch neuralgischen urbanen Ort befindet, zwei Filmvorführer, die indirekt auch auf das Berufsleben von Edith Stauber verweisen, die sich selbst, ihrer bescheidenen dokumentarischen Haltung adäquat, ins Off des Bildes stellt, Immigranten und Obdachlose, Raunzer und Beamte und all die Frauen, Männer und Kinder im Freibad (Ludwig, Max, Manuela, Hannelore und wie sie alle heißen mögen), das Pesroneninventar im filmischen Universum der Edith Stauber entspricht einem exemplarischen Querschnitt durch jene Bevölkerungsgruppe, die man oft abfällig als breite Masse bezeichnet. Mit ihren Filmen hat sie diesen Menschen eine Erinnerungsspur gelegt: “Die Zeit ist da – aber ihr habt mich verewigt im Film. In 100 Jahren werdens den Film noch anschaun, goi!”





Zitierte Literatur:
Hartmut Bitomsky: Kinowahrheit. Berlin: Verlag Vorwerk 2003.
Eugenie Kain: Charmanter Realismus im Garten der Lüste. Zur Bildserie “Eintritt zum Paradies um 3 Euro 20” von Edith Stauber. In: Facetten 2008. Weitra: Bibliothek der Provinz 2008. S. 211 – 213.
Bill Nichols: Performativer Dokumentarfilm. In: Manfred Hattendorf (Hrsg.): Perspektiven des Dokumentarfilms. München: diskurs film Verlag 1995. S. 149 – 166.


Charmanter Realismus im Garten der Lüste
Zur Bildserie „Eintritt zum Paradies um 3€20“ von Edith Stauber

von Eugenie Kain

Eine dicht befahrene Straße, eine Betonwand, Parkverbote -  „Eintritt zum Paradies um 3€20“. Handelt es sich bei diesem Hinweis um die Aufforderung einer Sekte beizutreten? In der rechten Ecke des Bildes ist ein Stück blauen Himmels mit Wattewolken zu sehen, darunter ein zwischen den Betonmauern geradezu schwebend wirkender Glasbau. Die Schleuse zum Paradies trägt einen Namen: Freibad.
Die Linzer Künstlerin Edith Stauber beschäftigt sich in der vorliegenden Bildserie mit keiner Sekte, sehr wohl aber mit einer eingeschworenen Gemeinschaft: Den Benützerinnen und Benützern des öffentlichen Freibades. Für Kundige kann der Ort als Parkbad lokalisiert werden, neuerdings von der Betreiberin, der Linz AG in der Liste der Städtischen Bäder neben Wellness - Oasen und Familien – Oasen als „Fitness – Oase Parkbad“ bezeichnet.
Oase also sagen die Stadtwerke. Paradies, sagt Edith Stauber. Es gibt verschiedene Vorstellungen vom Paradies: Nahezu unbewohnt kann es sein oder dicht bevölkert wie in Hieronymus Bosch’ Garten der Lüste. Klare Bäche und Seen laden zum Baden ein, nackte Männer und Frauen begegnen einander ohne Scham. Niemand muss arbeiten. Unschuldig und in friedliches Spiel versunken sind sie vereint mit der Natur.
Von dieser Vorstellung vom Paradies ist es nur ein Gedankensprung zur modernen Freizeitanlage, genauer gesagt zum öffentlichen Schwimmbad, das zwar institutionalisiert ist, aber eine Art demokratisches Paradies darstellt, weil es im Gegensatz zur Exklusivität des Garten Eden um eine relativ geringe Gebühr für alle zugänglich ist. In Assoziation zu Hieronymus Bosch’ „Lustgarten“ gestaltet Edith Stauber eine moderne Version des Paradieses. Mit digital bearbeiteten Tuschzeichnungen spürt sie dessen Verheißungen nach. Manchmal kommentieren kurze Untertitel das Geschehen.

Edith Stauber ist auch Filmemacherin. Nicht nur die einzelnen Bilder erzählen eine Geschichte, sie stehen auch in einem szenischen Spannungsverhältnis zueinander, darüber hinaus hat die Serie einen dramaturgischen Ablauf. Das erzählende Element wird verstärkt durch den Perspektivenwechsel. Wir sehen die Warteschlange an der Kassa. Mit dem nächsten Bild führt die Künstlerin unseren Blick auf die Augenhöhe eines Kindes. Wir sehen Frauen – und Männerbeine in sommerlicher Schuhmode, das Fahrgestell eines Kinderwagens 

mit einem Sechsertragerl Zipferbier auf dem Transportkorb zwischen den Rädern und ein Kind, das ungeduldig und beharrlich am aufgekrempelten Hosenbein eines Mannes zerrt. Oder bereits im Umkleidebereich mit den Kästchenreihen im Hintergrund die Gesichter zweier halbwüchsiger Mädchen als Ausschnitt mit der Hand der einen, die einen Stift trägt. Auf dem nächsten Bild dann eine Hand, die einen Edding – Stift über die Kästchentür führt. „FUCK“ ist als Ergebnis zu lesen.
Die Technik, der sich die Künstlerin bedient, ist, dem Sujet entsprechend, ebenfalls „demokratisch“. Tuschfeder und Photoshop. Inhalt und Form

wirken gleichberechtigt aufeinander ein. Nicht die Analyse sondern das Berichten, das Erzählen ist die Absicht. Das Paradies muss nicht konstruiert werden, es liegt vor den Augen der Betrachterin. Edith Stauber hält fest, was es zu sehen gibt. Die Muster der Badeanzüge und Sommerliegen und Badehauben ebenso wie die Gliederung des Geländes und die Landschaften der Gesichter und Körper. Farben, Muster und Formen geben der Geschichte von den Badefreuden Tiefenschärfe. Mit charmantem Realismus wendet sie sich gegen die Diktatur der gestählten Fitnessbodies. 
Schwere Bäuche, wogende Busen, haarstoppelige Beine, pralle Oberschenkel bewegen sich – wie es sich in einem Paradies mit demokratischen Ansatz wohl gehört –  ungezwungen über und unter Wasser. Am Beckenrand scheint die Sonne auf Hinterteile und zwischen geöffnete Schenkel. Auf der Liegewiese kommen sich die Verliebten mit großer Selbstverständlichkeit näher.
Der Staubersche Realismus hat die Qualität, nie in den Voyerismus oder in die Denunziation abzugleiten, sehr wohl aber mit sanfter Ironie und Gespür für Situationskomik auch die Grenzen dieses modernen Paradieses auszuloten. „Die Mülltrennung funktioniert prima“.
Was an der vorliegenden Serie unter anderem noch fasziniert, ist der verblüffende Umgang mit Bekanntem. Das Parkbad. Unzählige Male selbst auf der Wiese gelegen, im Sportbecken geschwommen, ein Eis gekauft, Würstel gegessen, vom 3 – Meter – Turm gesprungen, in den Schatten der großen Pappeln gegangen. Beim Betrachten der Bilderserie wird das scheinbar Vertraute zu einer sensationellen Neuentdeckung –  aber auch wieder nicht ganz. Und dann ist die Erkenntnis da: Das Besondere am Alltäglichen ist das Alltägliche, das mitunter auch paradiesisch werden kann.



Eugenie Kain: Charmanter Realismus im Garten der Lüste. Zur Bildserie “Eintritt zum Paradies um 3 Euro 20” von Edith Stauber.

In: Facetten 2008. Weitra: Bibliothek der Provinz 2008. S.